UNOC 3: Gipfel der Enttäuschung

Im süd­fran­zö­si­schen Niz­za ist heu­te nach fünf Tagen die mitt­ler­wei­le drit­te Ozean-Konferenz der Ver­ein­ten Natio­nen (UNOC 3) zu Ende gegan­gen: 175 UN-Mitgliedsstaaten, etli­chen Dut­zend Staats- und Regie­rungs­chefs sowie mehr als 12.000 Dele­gier­ten und Teil­neh­men­den aus Mee­res­schutz, Wis­sen­schaft, Poli­tik und Wirt­schaft ist es nicht gelun­gen, Ver­bind­li­ches zur Bewah­rung der Mee­re zu beschließen. 

Für Schlag­zei­len sorg­ten unter ande­rem die Debat­ten über das so genann­te Hoch­see­schutz­ab­kom­men, den geplan­ten Tief­see­berg­bau, die Fische­rei­po­li­tik, die Mee­res­ver­mül­lung vor allem durch Plas­tik­ab­fäl­le – und am Ende blieb es bei einem Akti­ons­plan, der aber nur poli­ti­sche Bekennt­nis­se und eine Rei­he frei­wil­li­ger Ver­pflich­tungs­er­klä­run­gen ent­hält und in kei­nem Punkt juris­tisch bin­dend ist.

# Bei­spiel Hoch­see­schutz: Das seit Jah­ren umstrit­te­ne und ver­zö­ger­te Hohe-See-Abkommen zum Schutz der bio­lo­gi­schen Viel­falt (engl.: BBNJ – Abkür­zung für Bio­di­ver­si­ty Bey­ond Natio­nal Juris­dic­tion) hät­te eigent­lich zur UNOC-3-Eröffnung sei­nen ent­schei­den­den Fort­schritt fei­ern sol­len. Mit Bekannt­ga­be der sech­zigs­ten Rati­fi­zie­rung hät­te es laut UN-Regularien in weni­gen Mona­ten welt­weit in Kraft tre­ten kön­nen. Tat­säch­lich gelang es trotz einer blu­mig gefei­er­ten Son­der­ver­an­stal­tung nur, die Anzahl von Rati­fi­zie­run­gen von „vor Niz­za“ 32 auf „nach Niz­za“ immer­hin 51 hoch­zu­schrau­ben. Deutsch­land war bis zum Ende der Kon­fe­renz nicht imstan­de, sich ein­zu­rei­hen und zögert weiter.

# Bei­spiel Tief­see­berg­bau: Nach wie vor – und ins­be­son­de­re aktu­ell – besteht die Gefahr, dass indus­tri­el­le Zugrif­fe groß­flä­chig mari­ti­me Unter­grün­de zer­stö­ren. Die eigens für die­sen Zweck ent­wi­ckel­ten, völ­lig neu­en Tech­no­lo­gien kön­nen öko­lo­gisch gro­ße Schä­den ver­ur­sa­chen. Momen­ta­ne Bestre­bun­gen wie sei­tens des Kon­zerns TMC (The Metals Com­pa­ny, Sitz Van­cou­ver) wer­den gar mit der angeb­li­chen För­de­rung „grü­ner“ Tech­no­lo­gien begrün­det: Es gehe um die Ener­gie­wen­de, heißt es, denn die zu för­dern­den Roh­stof­fe wür­den ja für die­ses umwelt­schüt­zen­de Vor­ha­ben drin­gend benö­tigt; der Abbau in der Tief­see sei ver­träg­li­cher als der an Land unter Ver­nich­tung wert­vol­ler Regen­wäl­der. Tat­säch­lich geht es nur um den Pro­fit – dass die Bio­di­ver­si­tät in der Tief­see in Gefahr gerät, inter­es­siert nicht. Bis zum Ende von UNOC-3 haben welt­weit gera­de mal 37 (von aktu­ell 193) UN-Mitgliedsstaaten die For­de­rung nach einem Mora­to­ri­um für Tief­see­berg­bau unterzeichnet.

# Bei­spiel Fische­rei­po­li­tik: Ein star­kes inter­na­tio­na­les Bünd­nis hat vor­ge­schla­gen, dass durch stär­ke­re Trans­pa­renz loka­len Küs­ten­ge­mein­schaf­ten und Orga­ni­sa­tio­nen der Klein­fi­sche­rei aus­ge­wie­se­ne Zonen zuer­kannt wer­den sol­len, wie sie bei­spiels­wei­se Mada­gas­kar oder Mau­re­ta­ni­en bereit ein­ge­rich­tet haben, um die Ernäh­rungs­si­cher­heit zu gewähr­leis­ten. Auch die Welt­ernäh­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on (FAO) der UNO mit Sitz in Rom hat bereits eine Richt­li­nie zum Schutz der Fang­rech­te der Klein­fi­sche­rei erlas­sen. UNOC-3 hat da aber kei­nen nen­nens­wer­ten wei­te­ren Fort­schritt gebracht, ein bedau­er­li­cher Tri­umph jener Groß­mäch­te, die mit indus­tri­el­ler Fische­rei­tech­nik die Mee­re plün­dern. Statt­des­sen pro­kla­mier­te Prä­si­dent Emma­nu­el Macron als Gast­ge­ber groß­spu­rig eine „Ein­schrän­kung“ der Grundschleppnetz-Fischerei in eini­gen fran­zö­si­schen Mee­res­schutz­ge­bie­ten – es dau­er­te aller­dings nicht lan­ge, bis klar wur­de, dass die Ver­bo­te haupt­säch­lich auf Gebie­te ange­wen­det wer­den sol­len, in denen Grund­schlepp­net­ze ohne­hin kei­ne Anwen­dung finden.

# Bei­spiel Mee­res­ver­mül­lung: Das seit Jah­ren ver­han­del­te Plas­tik­ab­kom­men im Rah­men der Agenda-2030-Bestrebungen der UNO hat zwar inzwi­schen mehr als 90 Unterstützer-Staaten auf sich ver­ei­nigt, den­noch wird es nach wie vor blo­ckiert – und zwar vor allem von der glo­ba­len Alli­anz erdöl-produzierender Staa­ten; denn die haben schließ­lich wei­ter­hin kein Inter­es­se, dass Plas­tik­her­stel­lung und -ver­brauch grund­sätz­lich ein­ge­schränkt und gar noch Ver­brau­cher zum Ver­zicht auf­ge­for­dert werden.

# Bei­spiel glo­ba­le Erwär­mung: Seit Jah­ren schon hat sich eine Grup­pe von aktu­ell 39 klei­nen Insel­staa­ten und fla­chen Küs­ten­an­rai­ner­staa­ten in Afri­ka, der Kari­bik und Ozea­ni­en for­miert, die als Small Island Deve­lo­ping Sta­tes (SIDS – klei­ne Insel­ent­wick­lungs­län­der) von der UNO aner­kannt beson­de­ren Schutz ver­lan­gen. Sie tei­len ver­gleich­ba­re sozi­al­öko­no­mi­sche Situa­tio­nen und Pro­ble­me, sind durch zuneh­men­den Mee­res­spie­gel­an­stieg ver­gleich­ba­ren Gefah­ren aus­ge­setzt, in ihrer Exis­tenz bedroht. Es sind Staa­ten aus dem glo­ba­len Süden und es ist Sache der den „Kli­ma­wan­del“ maß­geb­lich ver­ur­sa­chen­den Staa­ten des glo­ba­len Nor­dens, sie in ihrem Exis­tenz­kampf zu unter­stüt­zen. Die Agen­da 2030 der UNO für nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung der UN for­dert unter Punkt 14 den Schutz mari­ti­mer Lebens­räu­me – und die­ser Begriff schließt nicht nur Natur- und Mee­res­schutz ein, son­dern ver­langt auch die Siche­rung der Struk­tu­ren für mensch­li­che Sied­lung; oder?

Das in Niz­za ver­kün­de­te Bekennt­nis der UN-Meereskonferenz zu glo­ba­lem Mee­res­schutz ist ein Kon­glo­me­rat recht­li­cher Unver­bind­lich­kei­ten, ja – aber ein Bekennt­nis, das als Hand­lungs­an­lei­tung und -auf­for­de­rung taugt. Es muss „nur“ ange­packt und umge­setzt werden…

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WATERKANT-Redaktion