Hong Kong Convention“ in Kraft getreten

16 Jah­re hat es gedau­ert, bis am Don­ners­tag die­ser Woche die so genann­te „Hong Kong Con­ven­ti­on“ (HKC) des UN-Schifffahrtsgremiums Inter­na­tio­nal Mari­ti­me Orga­niza­ti­on (IMO) über das Abwra­cken aus­ge­dien­ter Schif­fe welt­weit in Kraft tre­ten konn­te. Deutsch­land wür­dig­te das Ereig­nis nur in klei­nem Rahmen. 

Eigent­lich hat­te der Netz­werk­ver­ein „Mari­ti­mes Clus­ter Nord­deutsch­land“ (MCN) die HKC mit einem „Natio­na­len Fest­akt“ im Deut­schen Schiff­fahrts­mu­se­um (DSM) in Bre­mer­ha­ven gebüh­rend fei­ern wol­len. Aller­dings hiel­ten die mari­ti­men Spit­zen­kräf­te aus Poli­tik und Wirt­schaft dies für nicht wich­tig genug, um des­we­gen in die See­stadt an der Weser­mün­dung zu fah­ren – und so wur­de nur ein Vor­trags­abend mit weni­ger als 100 Teil­neh­men­den dar­aus. Immer­hin gelang es den den­noch erschie­ne­nen, über­wie­gend loka­len und regio­na­len Akteu­ren, die Bedeu­tung die­ses Ereig­nis­ses zu unterstreichen.

2009 hat­ten sich die Gre­mi­en der IMO – wenn­gleich erst nach lan­gem Zögern – mit der HKC auf eine glo­ba­le Neu­re­ge­lung des Abwra­ckens ver­stän­digt. Nach IMO-Regeln bedurf­te es zunächst der Zustim­mung von min­des­tens 15 Mit­glieds­staa­ten, die über min­des­tens 40 Pro­zent der Welt­han­dels­ton­na­ge sowie drei Pro­zent der welt­wei­ten Recy­cling­ka­pa­zi­tät ver­fü­gen. Deutsch­land als siebt­größ­te Schiff­fahrts­na­ti­on hat dies erst 2019 rati­fi­ziert. Erst nach Errei­chen die­ser Mar­gen begann 2023 eine vor­ge­schrie­be­ne zwei­jäh­ri­ge War­te­frist, bevor die Kon­ven­ti­on nun rechts­kräf­tig wer­den durfte.

Noch bleibt viel zu regeln

Das MCN als Lob­by­ver­ein aus Wirt­schaft, Wis­sen­schaft und Poli­tik der fünf nord­deut­schen Bun­des­län­der eben­so wie die mit­ver­an­stal­ten­de bre­mi­sche Hafen- und Wirt­schafts­se­na­to­rin Kris­ti­na Vogt (Die Lin­ke) lob­ten das Inkraft­tre­ten als einen Mei­len­stein für die mari­ti­me Kreis­lauf­wirt­schaft nicht nur in Bre­men. Auch inter­na­tio­nal gilt die HKC als eine Errun­gen­schaft, damit von Schif­fen, die nach Ablauf ihrer Betriebs­dau­er recy­celt wer­den, kei­ne unnö­ti­gen Risi­ken für die mensch­li­che Gesund­heit, die Sicher­heit und die Umwelt aus­ge­hen. Zu die­sem Zwe­cke schreibt die Kon­ven­ti­on zwar unter ande­rem eine Prü­fung und anschlie­ßen­de Zer­ti­fi­zie­rung von Abwrack­werf­ten vor – Details müs­sen jedoch teils erst noch ver­ein­bart, teils aber auf jeden Fall moder­ni­siert wer­den: Denn die tech­ni­schen Anfor­de­run­gen und Tech­ni­ken haben sich in 16 Jah­ren wei­ter ent­wi­ckelt. So nennt etwa der Euro­päi­sche Ree­der­ver­band ECSA das Inkraft­tre­ten der HKC „ein star­kes Signal“ und „bedeu­ten­den Fort­schritt“, mahnt aber auch, „glo­ba­le Stan­dards“ sei­en uner­läss­lich, „um umwelt­ver­träg­li­ches und siche­res Schiffs­re­cy­cling zu gewährleisten“.

Die inter­na­tio­na­le NGO Ship­b­rea­king Plat­form (SP), die seit lan­gem die men­schen­un­wür­di­gen und öko­lo­gisch ver­hee­ren­den Prak­ti­ken des Abwra­ckens ins­be­son­de­re auf den Strän­den von Indi­en, Ban­gla­desh und Paki­stan kri­ti­siert, warnt hin­ge­gen, die Kon­ven­ti­on ver­säu­me es, eben die­se die Bran­che bis­lang prä­gen­den Prak­ti­ken zu unter­bin­den und ris­kie­re so, die Wett­be­werbs­be­din­gun­gen für ver­ant­wor­tungs­be­wuss­te Schiffs­re­cy­cler zu unter­gra­ben. Die­se War­nung kommt nicht von unge­fähr, wie auch SP-Aktivistin Bene­det­ta Man­to­an in Bre­mer­ha­ven erläu­ter­te: Die HKC in jet­zi­ger Form kön­ne nicht wirk­sam aus­schlie­ßen, dass Abwra­cken wie bis­her maß­geb­lich vom Pro­fit­den­ken gelenkt wird.

Regel­kon­for­mes Abwracken?

In der EU bei­spiels­wei­se gilt seit 2013 eine Ver­ord­nung, die das Recy­cling von Schif­fen auf nicht (nach EU-Norm) zer­ti­fi­zier­ten Werf­ten unter­sagt, ent­spre­chen­de Straf­vor­schrif­ten tre­ten aber erst 2026 in Kraft. Folg­lich hat dies bis­lang nicht durch­grei­fend ver­hin­dern kön­nen, dass immer wie­der Alt­schif­fe euro­päi­scher Ree­der unter dubio­sen Metho­den ver­kauft und umge­flaggt wer­den, um dann doch an mit­tel­asia­ti­schen Strän­den zu lan­den. Obwohl es unter ande­rem in Ban­gla­desh inzwi­schen ein­zel­ne zer­ti­fi­zier­te Werf­ten gibt, kri­ti­siert SP nach wie vor die Ver­hält­nis­se in jener Regi­on, aber auch in der Türkei.

Es wird erwar­tet, dass das Inkraft­tre­ten der HKC die Moder­ni­sie­rung der Welt­han­dels­flot­te vor­an­treibt. In Bre­mer­ha­ven wur­den nicht nur ers­te Bemü­hun­gen deut­scher Werf­ten für eine Zer­ti­fi­zie­rung her­vor­ge­ho­ben – Emden hat sie schon, Bre­mer­ha­vens Lloyd-Werft war­tet noch auf den Bescheid. In der Schluss­de­bat­te erläu­ter­ten Reederei-, Stahl- und Recy­cling­ex­per­ten auch, dass die Abwrack- und Ver­schrot­tungs­quo­te sich mit Blick auf ange­streb­te Kli­ma­neu­tra­li­tät in der Schiff­fahrt glo­bal ver­vier­fa­chen wer­de. Ob’s zutrifft, bleibt abzuwarten…

 

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WATERKANT-Redaktion