Nordsee soll Endlager werden

Bund erlaubt CO2-Spei­che­rung“ titel­te der NDR ver­gan­ge­ne Woche etwas vor­ei­lig: Vor­erst ist der Plan der neu­en Wirtschafts- und Ener­gie­mi­nis­te­rin Kathe­ri­na Rei­che (CDU) nur ein vom Bun­des­ka­bi­nett beschlos­se­ner Gesetz­ent­wurf. Zwar muss er bis zu einem Inkraft­tre­ten noch diver­se Hür­den über­win­den – aber die Chan­cen für ein Schei­tern ste­hen der­zeit eher schlecht. 

Zur Erin­ne­rung: „CO2-Spei­che­rung“ meint die tech­ni­sche Abschei­dung von Koh­len­di­oxid vor allem aus Abga­sen indus­tri­el­ler Pro­zes­se und sei­ne Ver­pres­sung in unter­ir­di­sche oder unter­see­ische „End­la­ger“; das äußerst umstrit­te­ne Ver­fah­ren ist bekannt gewor­den unter der Abkür­zung CCS – für den eng­li­schen Begriff „Car­bon Cap­tu­re & Sto­rage“. Die einen fei­ern es als „Kli­ma­schutz­maß­nah­me“: Angeb­lich hel­fe es, die ange­streb­te „Kli­ma­neu­tra­li­tät“ auch in der Zement-, Stahl- oder Che­mie­in­dus­trie zu errei­chen, die für sich Pro­ble­me mit der CO2-Ver­mei­dung behaup­ten. Die ande­ren war­nen vor einem enor­me Steu­er­mil­li­ar­den ver­schlin­gen­den Irr­weg: Zu teu­er in der Umset­zung und zu wenig erforscht, die­ne er nur den genann­ten Tei­len der Wirt­schaft als Aus­re­de und ber­ge erheb­li­che öko­lo­gi­sche und sicher­heits­tech­ni­sche Risi­ken für die Umge­bung der geplan­ten Lager­stät­ten sowie für die Transportwege.

Rei­che, die vor ihrem Minis­ter­amt Vor­stands­vor­sit­zen­de der e.on-Tochter West­ener­gie AG war, gilt vie­len als Lob­by­is­tin der fos­si­len Ener­gie­wirt­schaft; sie sei „seit Beginn ihrer Amts­zeit durch gas­freund­li­che Vor­schlä­ge auf­ge­fal­len“, stell­te Timo Lan­ge, Spre­cher der Initia­ti­ve Lob­by­Con­trol, bereits vor Mona­ten fest. Der Ent­wurf, den sie jetzt durchs Unions-SPD-Kabinett brach­te, setzt den Kurs ihres Amts­vor­gän­gers Robert Habeck in ver­schärf­ter Form fort: Der Grünen-Politiker war vor rund andert­halb Jah­ren (wie auch hier berich­tet) nach lan­gem, hef­ti­gem Wider­stand gegen die CO2-Spei­che­rung  umge­fal­len, sein Pro-CCS-Entwurf konn­te dann aber wegen Schei­terns der Ampel nicht mehr umge­setzt werden.

Mee­res­um­welt­schutz adé

Aus­drück­lich will Rei­che die Spei­che­rung von CO2 auch auf offe­ner See, vor allem also unter der Nord­see, erlau­ben. Zwar betont ihr Ent­wurf eine Aus­nah­me für Mee­res­schutz­ge­bie­te – aber ers­tens hinkt deren Aus­wei­sung inter­na­tio­na­len Ver­ein­ba­run­gen sowie­so hin­ter­her, zwei­tens wer­den sich die von Rei­che vor­ge­se­he­nen Pipe­lines schwer­lich rea­li­sie­ren las­sen, ohne Schutz­zo­nen zu que­ren. Für den Bau sol­cher Lei­tun­gen stellt die Minis­te­rin ein „über­ra­gen­des öffent­li­ches Inter­es­se“ fest, das soll erfor­der­li­che Geneh­mi­gungs­ver­fah­ren erleich­tern. Aller­dings weckt gera­de dies auch sogleich Begehr­lich­kei­ten: Vehe­ment pro­tes­tier­te am Wochen­en­de der Zen­tral­ver­band der deut­schen See­ha­fen­be­trie­be (ZDS) gegen Rei­ches Fokus­sie­rung auf Pipe­line­lö­sun­gen und mahn­te „drin­gen­de Nach­bes­se­rung“ an: Es gel­te, „die vol­len Poten­zia­le der Häfen für Kli­ma­schutz, Ver­sor­gungs­si­cher­heit und indus­tri­el­len Fort­schritt“ zu nut­zen, die See­hä­fen könn­ten die „CO2-Hubs der Zukunft werden“.

Dazu muss Rei­ches Ent­wurf nach der Som­mer­pau­se aber zunächst den par­la­men­ta­ri­schen Beschlussfassungs-Marathon durch­lau­fen und dann vor­aus­sicht­lich – trotz oder wegen beschleu­nig­ter Geneh­mi­gung – juris­ti­sche Über­prü­fun­gen über­ste­hen. Zwar erhielt Rei­che aus­drück­li­ches Lob nicht nur vom Deut­schen Industrie- und Han­dels­tag, son­dern auch von Sei­ten diver­ser Grünen-Politiker, etwa Ham­burgs Vize­bür­ger­meis­te­rin Katha­ri­na Fege­bank oder, mit leich­ter Kri­tik an der Prio­ri­sie­rung, Kiels Umwelt­mi­nis­ter Tobi­as Goldschmidt.

Aber wenig über­ra­schend kün­dig­ten sich auch vehe­men­te Beden­ken und mas­si­ver Wider­stand an: Umwelt­ver­bän­de wie BUND oder Green­peace pro­tes­tier­ten eben­so wie die DIW-Energieexpertin Fran­zis­ka Holz, die wesent­li­che Fra­gen der CCS-Technologie für „nicht aus­rei­chend erforscht und erprobt“ hält. Die Schutz­ge­mein­schaft Deut­sche Nord­see­küs­te (SDN) hat­te erst vor weni­gen Wochen – anläss­lich der ers­ten im süd-norwegischen Bre­vik offi­zi­ell eröff­ne­ten CCS-Anlage im indus­tri­el­lem Maß­stab – gewarnt, es feh­le bald „nicht mehr viel, bis die Nord­see nun wirk­lich zum Indus­trie­ge­biet miss­braucht“ sei. „Wenn ich etwas für eine gewis­se Zeit ver­ste­cke, und sei es über Jahr­hun­der­te, ist es aber immer noch auf der Welt”, hat­te der SDN-Vize Kapi­tän und See­lot­se Ulrich Bir­stein dies kom­men­tiert. Auch der Süd­schles­wig­sche Wäh­ler­ver­band (SSW) in Kiel mahn­te, die Zei­ten von „Aus den Augen, aus dem Sinn“ soll­ten end­lich vor­bei sein. Und Rein­hard Knof von der Bür­ger­initia­ti­ve gegen CO2-End­la­ger warnt unter ande­rem vor den hohen Kos­ten – die geplan­te KfW-Finanzierung wäl­ze die Risi­ken auf die Steu­er­zah­ler ab – und wegen immensen Strom­be­darfs der CCS-Technik vor mas­si­ver Belas­tung durch stark stei­gen­de Strompreise.

 

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WATERKANT-Redaktion