Beklemmende Gefühle gab es gratis, gewissermaßen als Beilage, als vor anderthalb Wochen sechs maritime Experten in einer Podiumsdiskussion in Bremerhaven an die Situation von Seeleuten während der Pandemie-Jahre erinnerten: „Stuck in mobility“ – steckengeblieben in der Mobilität – hieß die Veranstaltung, zu der das Deutsche Schifffahrtsmuseum (DSM) eingeladen hatte.
Es war ab Frühjahr 2020 eine schwerwiegende, aber viel zu wenig beachtete Folge der weltweiten Hemmnisse durch Covid-19: Ausgerechnet die Seeleute, die zu Hunderttausenden weltweit Versorgung und Handel aufrecht erhielten, waren selbst mit am stärksten betroffen. Sie, die unerlässlich nicht nur lebensnotwendige Waren, sondern vor allem auch Medikamente und alle Materialien zur Überwindung der Pandemie transportierten – unter extremen Bedingungen, monatelang isoliert auf See, häufig ohne Landgang, getrennt von Familien –, waren auf ihren Schiffen und in den Häfen auf einmal Gefangene ihres Berufs. Mehr als fünf Jahre später präsentiert nun das DSM (das gerade seinen 50. Geburtstag gefeiert hat) eine Ausstellung und besagte Veranstaltung – als Rückblick auf diese bitteren Erfahrungen und zugleich mit der nicht minder bitteren Bilanz, dass greifbare und zukunftsfähige Lehren aus damaligen Verhältnissen bis heute fehlen.
Unter der Moderation der „stern“-Reporterin Miriam Hollstein diskutierten die Seefahrerin Hannah Gerlach, vor fünf Jahren noch als Auszubildende auf Hapag-Lloyds „Basel Express“ unterwegs, mit Hamburgs Hafenärztin Scarlett Kleine-Kampmann und der Juristin Wiebke Petersen als Vertreterin des Verbands Deutscher Reeder (VDR). Sie hatten in ihrem jeweiligen Umfeld die teilweise chaotischen Pandemie-Verhältnisse ebenso direkt erlebt wie der Gewerkschafter Markus Wichmann von der Internationalen Transportarbeiter-Föderation (ITF), der Kopf der Deutschen Seemannsmission, Pastor Matthias Ristau, oder Jens Michael Priess vom Hamburger Büro des norwegischen Seeversicherers Skuld.
Gefangen in Not, gefangen an Bord
Zwar war Gerlach die einzige, die die Pandemie persönlich auf See hatte erleben müssen, alle übrigen waren auf unterschiedliche Weise, aber unmittelbar mit den Wirren dieser Zeit konfrontiert: Sie schilderten die Krisen von Menschen, die etwa auf ihren Schiffen quasi gefangen waren, weil diese selbst bei medizinischen Notfällen an Bord keinen Hafen anlaufen durften; von Schiffsbesatzungen, die in Häfen festgehalten wurden ohne Kontakt zu Angehörigen und ohne Landgangserlaubnis – oder von Crews, die auf Flughäfen festsaßen und entweder ihre geplanten Schiffe nicht erreichen oder keine Heimfahrt antreten konnten, weil ihre Heimatländer die Grenzen dicht gemacht hatten.
Ristau und Wichmann berichteten über psychosoziale Betreuung spezieller Art: Gespräche von der Gangway eines Schiffes mit Seeleuten, die an Bord festsaßen – „Gangway-Seelsorge“ nannte es der Pastor. Viele Crewmitglieder hätten vieles stark ertragen, es habe aber auch schlimmste psychische Notfälle gegeben. Wichmann erinnerte rückblickend an die hehren öffentlichen Bekenntnisse, Seeleute wegen ihrer Bedeutung für das Funktionieren globaler Warenströme als „systemrelevant“ anzuerkennen: Bis heute sei das weitgehend folgenlos geblieben, viele hätten sich nach der Pandemie Jobs an Land gesucht, viele Reeder hielten unbeeindruckt an verkürzten Landgängen fest. In der Schlussdiskussion brachte es schließlich ein Seefahrts-Veteran, ehemaliger Kapitän und Verdi-Funktionär, auf den Punkt: Gerade habe der Bundestag nach fünf Jahren endlich eine Enquete-Kommission zur Aufarbeitung der Pandemie und zur Erarbeitung resultierender Lehren etabliert – „aber über die Seeleute steht in deren Aufgabenbeschreibung nicht ein einziges Wort.“
Hinweis: Die Sonderausstellung „Stuck in mobility“ ist noch bis zum 1. März 2026 im DSM zu sehen. Sie wurde maßgeblich erarbeitet von der Ethnologin Luise Piart vom Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle (Saale) und vergleicht übrigens die pandemisch geprägte Situation von Seeleuten – und Geflüchteten.





















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