Hafenstreiks in Belgien und Niederlanden

Die Lascher im Hafen von Rotterdam haben nach fünf Tagen Streik eine Lohnerhöhung von 17-20 Prozent für die nächsten drei Jahre erkämpft, inklusive Inflationsausgleich für 2025/26, plus Vereinbarungen zu Arbeitsplatzsicherheit und Nachwuchsförderung. Allerdings: Dies ist, auf die Region bezogen, zunächst nur ein Teilerfolg. Insgesamt erleben die Seehäfen im Nordwesten Kontinentaleuropas zur Zeit harte Wochen mit Blockaden und Verzögerungen. 

Der Reihe nach: In der vorigen Woche hatte es in Belgien landesweite Proteste gegen Sozialkürzungen gegeben. Daran hatten sich unter anderem auch die Lotsen der Häfen von Antwerpen, Zeebrügge und Gent beteiligt, die aber zuvor bereits mit „Bummelstreiks“ wiederholt Druck gemacht hatten: Sie fordern vor allem die Rücknahme einer Rentenreform, die nicht nur ihr Renteneintrittsalter nach oben, sondern vor allem für jüngere Lotsen das zu erwartende Rentenniveau nach unten schrauben soll – laut Gewerkschaft um bis zu 45 Prozent.

Hafenbehörden, Terminalbetreiber und Reedereien monieren erhebliche Verzögerungen durch die blockierte Schiffsabfertigung in den drei Häfen. Sie befürchten, dass daraus resultierende Nachlaufeffekte den Hinterlandverkehr mehrere Wochen stören könnten. Selbst gestern lagen noch etliche Dutzend Schiffe fest, obwohl die Lotsen vorigen Donnerstag den Streik ausgesetzt hatten. Bis zum 24. Oktober warten sie jetzt auf eine Reaktion der Regierung – ab Freitag, 7:30 Uhr, könnten die Streiks weitergehen.

Nahezu zeitgleich mit den Auseinandersetzungen in Belgien haben in den benachbarten Niederlanden die erwähnten Lascher tagelang den Hafen von Rotterdam lahmgelegt: Der Begriff „Laschen“ steht für das Befestigen (und Lösen) von Containern auf Schiffen – Stapelsicherung für risikolosen Transport. Es ist körperlich harte Arbeit, braucht viel Knowhow und Erfahrung, ein Job für Spezialisten. Weshalb die Gewerkschaften seit Jahren dafür kämpfen, diese Tätigkeit nicht dafür nicht qualifizierten Seeleuten aufzudrücken: „Laschen ist Hafenarbeit!“

Monatelang hingehalten

Der größte Seehafen Europas verzeichnet momentan mengenmäßige Umschlagsrückgänge trotz zunehmenden Containerumschlags; das klingt verwirrend, ist aber erklärbar: Einerseits ist Massengutumschlag rückläufig, andererseits steigt zwar der Boxenumschlag, allerdings mit hohem Anteil an Leercontainern – das gilt als Indiz für schwächelnde Konjunktur, drückt aber die Bilanz umgeschlagenen Ladungsgewichts. Da die Terminals trotzdem gutes Geld verdienen, fordern die Kollegen im Rotterdamer Hafen angesichts drastisch steigender Lebenshaltungskosten ihr Stück vom „Kuchen“ ein. Seit April dieses Jahres haben die Lascher über neue Tarife verhandelt, sind immer wieder hingehalten worden.

Bis ihnen der Kragen platzte und sie ab 8. Oktober in Streik traten. Der Arbeitskampf musste dann auf gerichtliche Anordnung nach fünf Tagen am 13. Oktober für neue Verhandlungen unterbrochen werden. Niek Stam von der Dockergewerkschaft FNV Havens rechnete vor, dass an jedem Streiktag rund 25.000 Container nicht umgeschlagen werden konnten. Auch vor Rotterdam stauten sich gestern noch auf Abfertigung wartende Schiffe. Ab Freitag wären ohne die eingangs skizzierte Tarifeinigung weitere Streiks zulässig gewesen: Erst nach Urabstimmung Mitte November wird sich zeigen, wie schnell sich der Hafenbetrieb normalisieren kann.

Das allerdings ist auch abhängig von der Entwicklung in Nahost: In den meisten Berichten über die beschriebenen Arbeitskämpfe blieb unerwähnt, dass auch militante Proteste für Gaza den Rotterdamer Hafenbetrieb massiv gestört haben. Parallel zum Lascher-Streik, so unter anderem das niederländische Logistikportal Railfreight, hätten mehrere hundert Aktivisten des Sponti-Kollektivs Geef Tegengas vorübergehend den Bahnverkehr zum und vom Hafen blockiert. Sie fordern unter dem Motto „Rotterdam Block Party: No Bombs, Barrels and Bullshit“ ein vollständiges Waffen- und Handelsembargo gegen Israel.

 

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WATERKANT-Redaktion