Letzte Kutsche von Cuxhaven…?

Für die unend­li­che Geschich­te „Tou­ris­mus con­tra Natur­schutz“ wird der­zeit vor Cux­ha­ven ein wei­te­res Kapi­tel geschrie­ben: Das so genann­te „Duh­ner Loch“, ein Priel, der Weser- und Elb­mün­dung ver­bin­det, ver­hin­dert immer häu­fi­ger die Pas­sa­ge von Kutsch­fuhr­wer­ken von Cux­ha­ven auf die Insel Neu­werk – eine tou­ris­ti­sche Attrak­ti­on. Aber weil das Gebiet zum Natio­nal­park Wat­ten­meer gehört, kann sei­ne Durch­fahr­bar­keit bei Nied­rig­was­ser nicht „mal eben“ bau­lich erzwun­gen werden. 

Nach Anga­ben des Cux­ha­ve­ner Ober­bür­ger­meis­ters Uwe Sant­jer (SPD) zählt der Neuwerk-Tourismus jähr­lich rund 100.000 Besu­cher. Sie stei­gen bei ablau­fen­dem Was­ser in Cuxhaven-Duhnen in eine der vie­len ange­bo­te­nen Kut­schen – hoch­räd­ri­ge, von Pfer­den gezo­ge­ne Watt­wa­gen –, wer­den eine knap­pe Stun­de lang zu einem kur­zen Auf­ent­halt auf die zu Ham­burg gehö­ren­de Insel gefah­ren, müs­sen aber meist inner­halb einer Tide auch wie­der zurück. Nur sel­ten gestat­ten es die Gezei­ten, den Auf­ent­halt über zwei Tiden auf acht Stun­den aus­zu­deh­nen. Wesent­li­che Vor­aus­set­zung für die­se Kut­schral­lye durch den Natio­nal­park ist aber die Pas­sier­bar­keit meh­re­rer klei­ner Prie­le – und eines grö­ße­ren, näm­lich des „Duh­ner Lochs“.

Mit der Pfer­de­kut­sche durchs Watt nach Neu­werk: Archiv­bild aus dem Jah­re 2011.
Foto: (CC-By) flickr / Volt2011

Die­ser Priel war jah­re­lang kein Pro­blem, konn­te bei Nied­rig­was­ser zügig durch­fah­ren wer­den, nicht nur von den Kut­schen, auch von Trak­to­ren; sogar Wan­de­rer konn­ten ihn häu­fig pas­sie­ren. Aber das Wat­ten­meer ent­wi­ckelt sich nun ein­mal dyna­misch – und daher ist es völ­lig nor­mal, dass Prie­le ihren Lauf und/oder ihre Tie­fe ver­än­dern. So auch das „Duh­ner Loch“: Momen­tan soll sein nied­rigs­ter Was­ser­stand bei Ebbe 80 Zen­ti­me­ter betra­gen; immer öfter aber fällt die­ser Wert höher aus – und ab 1,30 Meter ist kein Durch­kom­men mehr für die Wattwagen.

Das nervt natür­lich all jene, die mit dem Neuwerk-Tourismus Geld ver­die­nen (wol­len), ins­be­son­de­re die Kutschfahrten-Betreiber, die als Garan­ten des Tages­tou­ris­mus gel­ten. Bleibt das „Duh­ner Loch“ ein­ge­schränkt – oder irgend­wann auch dau­er­haft – unpas­sier­bar –, wür­de sich die Auf­recht­erhal­tung eines und erst recht meh­re­rer Kutsch­be­trie­be nicht mehr loh­nen. Das ist aber nur eine Sei­te der Medail­le, die ande­re ist die Bewohn­bar­keit von Neu­werk: 29 Ein­woh­ner zählt die Insel, ihre und der Tou­ris­ten Ver­sor­gung wird zum über­wie­gen­den Teil durch Tre­cker­fahr­ten  gewähr­leis­tet – die eben­falls das „Duh­ner Loch“ pas­sie­ren müs­sen. Zwar gibt es auch eine Schiffs­ver­bin­dung, deren Exis­tenz wie­der­um ist aber abhän­gig vom Tages­tou­ris­mus, denn nur für zwei­ein­halb Dut­zend Ein­woh­ner wäre sie nicht auf­recht zu erhal­ten. Neuwerk-Inselwart Chris­ti­an Grie­bel ließ sich jüngst in loka­len Medi­en zitie­ren mit der Befürch­tung, es dro­he ein Ende der Bewohn­bar­keit von Neuwerk.

Ursa­che und Wirkung…

Klar, dass in einer sol­chen Lage über Ursa­chen und Eingriffs-Möglichkeiten spe­ku­liert und dis­ku­tiert wird. Selbst­ver­ständ­lich ist nicht aus­ge­schlos­sen, dass auch anthro­po­ge­nes Wir­ken die Ver­än­de­run­gen im Duh­ner Watt kon­ti­nu­ier­lich beein­flusst: Da gibt es Stim­men, die etwa die Bag­ge­run­gen am Schiff­fahrts­weg Elbe oder die Bag­ger­gut­ver­klap­pun­gen aus Elbe und Ham­bur­ger Hafen ver­ant­wort­lich machen – was amt­li­che Gut­ach­ten dann natür­lich sofort aus­schlie­ßen, denn man will ja sein eige­nes Han­deln nicht dis­kre­di­tiert sehen. So schrieb etwa die Bun­des­an­stalt für Gewäs­ser­kun­de (BfG) in Koblenz schon 2008 in einer Stel­lung­nah­me zu Schlick­ab­la­ge­run­gen vor dem Cux­ha­ve­ner Strand: „Nach der jet­zi­gen Daten­la­ge kann die Ver­drif­tung von Bag­ger­gut … nicht als Ursa­che der Ver­schli­ckun­gen ange­se­hen wer­den.“ Der Nie­der­säch­si­sche Lan­des­be­trieb für Was­ser­wirt­schaft, Küsten- und Natur­schutz (NLWKN) zitier­te 2019 sei­ner­seits Gut­ach­ten aus den Jah­ren 2009 und 2016: „Die groß­räu­mi­ge mor­pho­lo­gi­sche Ent­wick­lung im Duh­ner Watt ist vor allem auf den Bau des Leit­damms Kugel­ba­ke zurück­zu­füh­ren, der seit Ende der 1960er Jah­re hydrau­lisch wirk­sam ist“. Die­ser zehn Kilo­me­ter lan­ge, einst von den Nazis begon­ne­ne, aber erst nach dem Zwei­ten Welt­krieg fer­tig gestell­te Damm soll dazu bei­tra­gen, das Elb­fahr­was­ser tief zu hal­ten, zum einen durch Strö­mungs­ver­än­de­rung, zum ande­ren, indem er ein „Abrut­schen“ des Watt­san­des ins Fahr­was­ser bremst.

Vor eini­gen Jah­ren hat­te der NLWKN schon mit Sand gefüll­te Jute­sä­cke am „Duh­ner Loch“ aus­ge­legt, um durch die­se „Bar­rie­re“ die wei­te­re Ver­tie­fung des Pri­els zu behin­dern. Das hat sich aber als weit­ge­hend wirklungs­los erwie­sen. For­de­run­gen von Kutsch­un­ter­neh­men und ande­ren inter­es­sier­ten Krei­sen, das „Duh­ner Loch“ etwa durch Erhö­hung der Pri­el­soh­le oder ande­re „fes­te“ Bau­maß­nah­men zu sta­bi­li­sie­ren, wer­den sowohl vom NLWKN als auch von der Natio­nal­park­ver­wal­tung und der Gene­ral­di­rek­ti­on Was­ser­stra­ßen und Schiff­fahrt (GDWS) kate­go­risch aus­ge­schlos­sen, so etwas sei im Natio­nal­park nicht durchführbar.

Wie es nun wei­ter­geht? Obwohl Neu­werk recht­lich ein „Stadt­teil“ im Bezirk Hamburg-Mitte der Frei­en und Han­se­stadt Ham­burg ist, sieht sich das Land Nie­der­sach­sen in einer Art Ver­pflich­tung, die Anbin­dung der Insel sicher­zu­stel­len. Man darf also gespannt sein auf die nächs­ten Gut­ach­ten – zumal die inzwi­schen weit­ge­hend abge­schlos­se­ne neue Elb­ver­tie­fung ihre Wir­kung sowohl bezüg­lich Strö­mungs­ver­hal­ten als auch Fol­gen der umstrit­te­nen Ham­bur­ger Baggergut-Handhabung erst noch ent­fal­ten wird…

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WATERKANT-Redaktion