P&O: Der Druck wächst – aber nicht genug

Der Skan­dal um die Mas­sen­ent­las­sung von rund 800 See­leu­ten auf den bri­ti­schen Fäh­ren der Ree­de­rei P&O Fer­ries wei­tet sich aus: P&O gibt nicht nach, sieht sich aber unter wach­sen­dem Druck einer inzwi­schen inter­na­tio­na­len Soli­da­ri­täts­kam­pa­gne der Gewerk­schaf­ten, jedoch nur bedingt auch sei­tens der kon­ser­va­ti­ven Regierung. 

Seit mehr als zwei Wochen sind vier zen­tra­le Ver­bin­dun­gen zwi­schen Eng­land und dem Kon­ti­nent bezie­hungs­wei­se der iri­schen Insel gestört, weil P&O‘s Ver­such, die Fähr­be­sat­zun­gen bru­tal und unso­zi­al gegen ost­eu­ro­päi­sche und asia­ti­sche Bil­lig­kräf­te aus­zu­tau­schen, auf mas­si­ven Wider­stand gesto­ßen ist. „Wir haben immer noch eini­ge Stö­run­gen…“ – Pas­sa­gie­re, die eine Fäh­re etwa zwi­schen Dover und Calais buchen wol­len, wer­den auf der Web­sei­te von P&O freund­lich, aber bestimmt belehrt: „Alle Diens­te blei­ben aus­ge­setzt“. Man bemü­he sich aber um Abhil­fe durch „ande­re Transportunternehmen“.

Die Inter­na­tio­na­le Transportarbeiter-Föderation (ITF) und natio­na­le Gewerk­schaf­ten haben bin­nen weni­ger Tage welt­weit in fast 200 Orga­ni­sa­tio­nen mehr als 10.000 Unter­schrif­ten gesam­melt: Ein „glo­ba­les Pro­test­schrei­ben“ gegen die empö­ren­de Mas­sen­ent­las­sung for­dert vom ara­bi­schen Terminal- und Logis­tik­kon­zern DP World, dem Eigen­tü­mer von P&O Fer­ries, die Wie­der­ein­stel­lung der ent­las­se­nen See­leu­te. Eine Dele­ga­ti­on unter Lei­tung von ITF-Generalsekretär Ste­phen Cot­ton über­gab das Schrei­ben in Dubai der Kon­zern­füh­rung von DP World. „Arbeit­ge­ber im Trans­port­we­sen der gan­zen Welt soll­ten die­sen Streit genau beob­ach­ten“, beton­te Cot­ton. Es gehe hier nicht allein um ille­ga­le Ent­las­sung von 800 See­leu­ten, son­dern um den Respekt vor den Rech­ten von See­leu­ten welt­weit: „Das neh­men wir nicht auf die leich­te Schulter.“

Nächt­li­che ITF-Parolen auf den Krei­de­fel­sen von Dover
© ITF Glo­bal, Lon­don, 2022

Wäh­rend in Rot­ter­dam, Ant­wer­pen, Dub­lin und im nord­iri­schen Lar­ne Hafen­ar­bei­ter P&O-Fähren boy­kot­tier­ten, lie­ßen eng­li­sche Gewerk­schaf­ten in der Nacht zum 1. April ein Video auf die Klip­pen von Dover und Bil­der auf die Zen­tra­le von P&O Fer­ries pro­ji­zie­ren, um das Unter­neh­men auf­se­hen­er­re­gend anzu­pran­gern – und Maß­nah­men der Regie­rung ein­zu­for­dern. Bis­lang ver­wei­gern P&O und DP World jedes Ein­len­ken. „Das soll­te bei Regie­run­gen in ganz Euro­pa und welt­weit die Alarm­glo­cken läu­ten las­sen“, mahn­te Livia Spe­ra, Gene­ral­se­kre­tä­rin der euro­päi­schen ITF-Sektion ETF: „Wenn Regie­run­gen Unter­neh­men nicht zur Rechen­schaft zie­hen kön­nen, wirft das ernst­haft die Fra­ge auf, wer das Sagen hat.“ ITF-Präsident Pad­dy Crum­lin ver­lang­te, „dass Pre­mier­mi­nis­ter John­son die­ser Form von Unternehmens-Barbarei ein Ende setzt“.

Die­ser hat­te zwar gleich zu Beginn der Affä­re P&O Ver­stö­ße gegen ein natio­na­les Arbeits­ge­setz von 1992 vor­ge­wor­fen und recht­li­che Schrit­te ange­kün­digt, bis­lang blieb dies aber ohne kon­kre­te Fol­gen. Wirt­schafts­mi­nis­ter Kwa­si Kwarteng kün­dig­te am Wochen­en­de for­mel­le Ermitt­lun­gen gegen P&O Fer­ries an, zustän­dig ist jedoch der „Insol­venz­dienst“, eine als schwer­fäl­lig gel­ten­de Regie­rungs­be­hör­de zur Bekämp­fung unter­neh­me­ri­schen Fehl­ver­hal­tens. Anlass war das öffent­li­che Ein­ge­ständ­nis des P&O-Chefs Peter Heb­blethwai­te, die Ent­las­sung der 800 See­leu­te kön­ne ille­gal gewe­sen sein; den­noch ver­tei­dig­te er sie, weil eine Rück­nah­me „zum Zusam­men­bruch des Unter­neh­mens“ füh­ren könne. 

Lon­dons Ver­kehrs­mi­nis­ter Grant Shapps ließ vor­über­ge­hend zwei P&O-Fähren unter Beru­fung auf Sicher­heits­be­den­ken – man­gel­haf­te Qua­li­fi­ka­ti­on und Ein­wei­sung der aus­ge­tausch­ten Besat­zung – an die Ket­te legen. Sei­ne Idee einer gesetz­li­chen Sper­re von Fähr­li­ni­en, deren Besat­zun­gen kei­nen natio­na­len Min­dest­lohn erhiel­ten, blieb bis­lang aber fol­gen­los: Die Bri­tish Ports Asso­cia­ti­on pro­tes­tier­te ent­schie­den, auch Gewerk­schaf­ten und Labour-Partei beschei­nig­ten dem Plan „klaf­fen­de Löcher“, das wer­de „kei­nen wei­te­ren Skan­dal im P&O-Stil aufhalten“.

Eine ähn­li­che Ver­si­on die­ses Tex­tes ist am 4. April 2022
in der Tages­zei­tung „jun­ge Welt“ erschienen.

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WATERKANT-Redaktion