Miserable maritime Arbeit – Rezension

Scher­rer, Chris­toph, und Kara­te­pe, Ismail D., (Hrsg.): Arbeit
in der Lie­fer­ket­te – Mise­ra­ble Arbeits­be­din­gun­gen auf See
und in den Häfen; Ham­burg 2024, VSA-Verlag; Paper­back, 192 Seiten;
ISBN 978-3-9648-8220-2; Preis 18,80 Euro.

Lieferketten-Sorgfaltspflicht – noch im ver­gan­ge­nen Jahr schien es so, als rück­ten wirk­sa­me Regeln in Deutsch­land und Euro­pa in greif­ba­re Nähe. Lei­der sieht es momen­tan nicht mehr danach aus. Eine durch­gän­gi­ge Schwä­che der meis­ten Debat­ten zum The­ma war und ist, dass zwei wesent­li­che Ket­ten­glie­der fast immer unbe­ach­tet geblie­ben sind: der See­trans­port und der Hafenumschlag.

Das vor­lie­gen­de Buch unter­nimmt einen klei­nen und the­ma­tisch begrenz­ten Ver­such, dies zu ändern. Chris­toph Scher­rer, Poli­tik­wis­sen­schaft­ler an der Uni­ver­si­tät Kas­sel, und Ismail Doga Kara­te­pe, dort­selbst aus­ge­bil­det und aktu­ell an der tür­ki­schen Uni­ver­si­tät Mug­la tätig, haben es im Herbst 2024 vor­ge­legt: Acht Bei­trä­ge der Her­aus­ge­ber sowie je einer aus Kolum­bi­en und Cos­ta Rica unter­su­chen am Bei­spiel des Bananen-Handels des­sen Lie­fer­ket­ten – beschrän­ken sich aber aus­drück­lich auf die bei­den genann­ten mari­ti­men Kettenglieder.

Dem Buch liegt eine wis­sen­schaft­li­che Stu­die zugrun­de, die the­ma­tisch sehr stark fokus­siert ist – mög­li­cher­wei­se eine Fol­ge bzw. Begleit­erschei­nung der erhal­te­nen minis­te­ri­el­len För­de­rung. Das ist der Sache sicher dien­lich, macht das Buch aber nicht gera­de leicht les­bar. Was sich unter ande­rem am Bei­spiel „Bana­ne“ auf­zei­gen lässt: Man habe die Bana­nen­lie­fer­ket­te zwi­schen Kari­bik und Nord­west­eu­ro­pa als Fall­bei­spiel gewählt, heißt es, weil „ins­be­son­de­re“ hier „die unter­schied­li­chen Durch­set­zungs­pfa­de der neo­li­be­ra­len Fle­xi­bi­li­sie­rung der Arbeits­be­zie­hun­gen auf­ge­zeigt wer­den“ könn­ten. Aha!? Eine Erläu­te­rung, was die Hafen- und See­ar­beit im Bana­nen­han­del etwa von der im Getreide-Massenguttransport oder in den euro-asiatischen Container-Lieferketten maß­geb­lich unter­schei­det, fehlt.

Dabei stellt man schnell fest, dass die geschil­der­ten Ver­hält­nis­se sowohl in den unter­such­ten Häfen als auch an Bord dem sehr ähneln, was man über besag­te ande­re Trans­port­ket­ten liest: Es gel­ten über­wie­gend die­sel­ben Nor­men und Regeln, inter­na­tio­nal wie lokal, Häfen wer­den pri­va­ti­siert, Schif­fe aus­ge­flaggt, Men­schen aus­ge­beu­tet – und Hafen- wie Ree­de­rei­kon­zer­ne wer­den rei­cher. Ja, Bana­nen bedür­fen einer beson­de­ren Behand­lung, das ist span­nend und auf­schluss­reich – aber ver­gleich­ba­re und nicht min­der inter­es­san­te Beson­der­hei­ten wei­sen sicher auch ande­re Trans­port­ket­ten auf.

Viel Neu­es – …

Ein­gangs wird kurz das Ent­ste­hen der zugrun­de­lie­gen­den Stu­die erläu­tert, es folgt ein Über­blick über die all­ge­mei­ne Ent­wick­lung der Arbeits­be­din­gun­gen auf See und in den Häfen. Die­se Dar­stel­lung ist zunächst sehr kom­pri­miert, trotz­dem hilf­reich fürs Ver­ständ­nis des Fol­gen­den, zumal hier schon auf diver­se Defi­zi­te etwa in Nor­mie­rung und Beach­tung von Arbeits­schutz­re­geln hin­ge­wie­sen wird.

Nach einer Ein­füh­rung über Struk­tu­ren des Bana­nen­han­dels und sei­ner Lie­fer­ket­ten, exem­pla­risch fokus­siert auf Cos­ta Rica und Kolum­bi­en, fol­gen zwei aus­führ­li­che und äußerst auf­schluss­rei­che Abschnit­te über die Arbeit zum einen in den kolum­bia­ni­schen Häfen San­ta Mar­ta und Tur­bo, zum ande­ren im Hafen von Moín im cos­ta­ri­ca­ni­schen Límon – selbst, wer sich hier­zu­lan­de mit mari­ti­mer Wirt­schaft aus­kennt, dürf­te in die­sen Kapi­teln sehr viel Neu­es entdecken.

Aller­dings nicht unbe­dingt Schö­nes: Neben vie­len Zah­len und Daten geht es hier unter ande­rem um Ver­stri­ckun­gen mit Dro­gen­kar­tel­len oder Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit bezie­hungs­wei­se unter Gue­ril­la­grup­pen, um gewerk­schaft­li­che Kämp­fe und Pri­va­ti­sie­run­gen, um Macht­ver­hält­nis­se zwi­schen Hafen­be­trei­bern und staat­li­chen Struk­tu­ren. Und eben um Arbeits­be­din­gun­gen und -zufrie­den­heit: Obwohl die For­schen­den erheb­li­che Pro­ble­me hat­ten beim Zugang zu den Häfen und vor allem zum Hafen­per­so­nal, wirkt es für Außen­ste­hen­de befremd­lich, dass die Stu­die sich nur auf sehr weni­ge (15-20) Befrag­te stützt.

… wenn­gleich nicht immer aktuell

Im zwei­ten Teil geht es um die Ziel­hä­fen des Bana­nen­han­dels, exem­pla­risch aus­ge­wählt wur­den Ant­wer­pen, Vlis­sin­gen und Ham­burg; anschlie­ßend um Arbei­ten auf See und schließ­lich um die „Schlüs­sel­ak­teu­re der Schiff­fahrts­in­dus­trie“ – vor allem um die­je­ni­gen, die von besag­ten Arbeits­be­din­gun­gen, unge­re­gel­ten Ver­hält­nis­sen oder Pri­va­ti­sie­rung öffent­li­cher Logis­tik pro­fi­tie­ren. Auch hier fin­det sich in der Viel­falt von Daten und Fak­ten etli­ches, was bes­ten­falls Ein­ge­weih­ten bekannt sein dürf­te, also durch­aus das Prä­di­kat „span­nend“ ver­dient. Aller­dings stützt sich gera­de das letzt­ge­nann­te Kapi­tel über­wie­gend auf Zah­len aus den Jah­ren 2019-2022. Das dürf­te dar­an lie­gen, dass die ursäch­li­che Stu­die in 18 Mona­ten 2022-23 ent­stan­den ist – ange­sichts der tur­bu­len­ten Ent­wick­lun­gen in der Schiff­fahrt sind in einem Ende 2024 erschie­ne­nen Buch dadurch aber man­che Daten überholt.

Ange­sichts der schon erwähn­ten Hemm­nis­se bei den Recher­chen für die Stu­die – Zugangs­blo­cka­den sei­tens Ver­ant­wort­li­cher, exis­ten­zi­el­le Ängs­te befrag­ter Betrof­fe­ner – ver­dient das vor­lie­gen­de Ergeb­nis zunächst ein­mal hohen Respekt; Ken­ner der Ver­hält­nis­se dürf­ten wenig über­rascht sein, denn in der mari­ti­men Wirt­schaft ach­tet man ger­ne auf Undurch­schau­bar­keit von Struk­tu­ren und Ver­ant­wort­lich­kei­ten. Aber, auch das wur­de bereits ange­ris­sen, die­ses Buch eig­net sich bes­ten­falls zum enga­gier­ten Durch­ar­bei­ten. Als aka­de­mi­sche Stu­die mag es reüs­siert haben, als Lese­stoff ist es eher „hard­core“.

All­zu oft mixen die Autoren hin­ter­grün­di­ge oder his­to­ri­sche Details etwa mit kon­zep­tio­nel­len Erläu­te­run­gen ihrer Vor­ge­hens­wei­se und zugleich mit Befragungs- oder Ergeb­nis­da­ten. Das macht es min­des­tens eben­so anstren­gend, dem fol­gen zu wol­len, wie die stän­dig lese­hem­men­den Gen­der­stern­chen. Auch wer­den Zusam­men­hän­ge oft so ver­kürzt, dass Ein­ge­weih­te stut­zen und allen ande­ren Hin­ter­grün­de vor­ent­hal­ten blei­ben. Aus der Palet­te dies­be­züg­li­cher Bei­spie­le sei­en hier abschlie­ßend nur zwei genannt: Zur Beur­tei­lung der Arbeit auf See wur­den von „mehr als einer Mil­li­on“ (S. 113) glo­bal beschäf­tig­ter See­leu­te gan­ze 50 befragt – eine Initia­ti­ve wie der „seafarer‘s hap­pi­ness index“, an dem sich jähr­lich mehr als 30.000 See­leu­te betei­li­gen, bleibt eben­so uner­wähnt wie etwa das seit 2017 hier­zu­lan­de exis­tie­ren­de Forum Fair übers Meer, in dem sich zivil­ge­sell­schaft­li­che Initia­ti­ven gemein­sam gegen Aus­flag­gung und Aus­beu­tung auf See engagieren.

Burk­hard Ilschner

 

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