Mordaunt, Elinor: Das Herz eines Schiffes – Vier Erzählungen;
Hamburg 2025, mareverlag; Hardcover (Leineneinband) im Kartonschuber, 173 Seiten;
ISBN 978-3-8664-8735-2; Preis 22,00 Euro.

Äußerlich ist dies eigentlich nur ein Büchlein, etwas mehr als Postkartenformat und insofern sehr handlich zum Zwischendurch-Schmökern. Aber wer das versucht, wird bald eines Besseren belehrt – denn diese Sammlung von vier relativ knappen Erzählungen hat es in sich.
Elinor Mordaunt war laut Verlagsangaben das Pseudonym der britischen Autorin Evelyn May Clowes (1872-1946), die – zu Beginn des vorigen Jahrhunderts nach Australien ausgewandert – in Downunder Kurzgeschichten, Romane, Erzählungen und Kinderbücher veröffentlichte. Die vier in diesem Büchlein präsentierten maritimen Geschichten sind eine faszinierende Mischung aus packendem Abenteuer, psychologischem Gespür für menschliche Stärken und Schwächen und einer gehörigen Portion Spökenkiekerei – alles zusammen ergibt nicht nur nautisch äußerst kenntnisreiches Seemannsgarn, sondern ist zudem brillant erzählt, wobei man sich über gelegentlich sehr derbe Ausdrucksweise nicht wundern, geschweige denn aufregen sollte.
Die titelgebende Erzählung gilt einem Segelschiff mit ausgeprägt eigenem Willen: „Die Sarah Shane hatte ihre Männer im Griff. Manche Schiffe sind so.“ Aber diese Sarah Shane – „dieses Luder, diese Circe, diese Verführerin“ – verliebt sich ausgerechnet in einen just geretteten Schiffbrüchigen; was (ohne hier Details verraten zu wollen) diesen selbst, das Schiff und seine gesamte Mannschaft in eine Serie von Bredouillen stürzt: Man muss sich auf eine solche Geschichte einlassen, um sie in ihrer komplexen Erzähllogik und Originalität genießen zu können – lohnenswert ist es allemal.
Die Sache mit den Schweinen
Dann ist da noch die Erzählung „Der Rückruf“ über jenen frustrierten Büroangestellten, der – ohne je auf einem Seeschiff gefahren zu sein – immer wieder und immer intensiver davon träumt, in einem Ruderboot zu sitzen: So lange, bis er sich selbst zeitreisend in das träumerische Dasein des Rudersklaven Nr. 24 auf der Galeere La Palme mit peitschenschwingenden Unteraufsehern katapultiert. Oder „Die Geschichte des Skippers“, die eigentlich nur darauf verweist, dass man gefälligst an Bord eines Schiffes kein Schwein zu schlachten habe, weil ja „jede alte Teerjacke weiß, dass garantiert schlechtes Wetter kommt“ – aber tatsächlich geht es um einen sturen Käpt’n, der seine verängstigte Mannschaft brachial zwingt, mit ihm auf seinem maroden Kahn zu bleiben statt rechtzeitig das Weite zu suchen oder angebotene Hilfe anzunehmen.
Und schließlich erzählt „Schwere See“ die Geschichte der Zwillingsbrüder Agar und Bran aus dem südenglischen Rye Harbor, die einander in „jenem bitteren Hass“ verbunden waren, der „zwischen Zwillingen ein schier unbeschreibliches Ausmaß erreichen kann“: Beide sind einerseits in dieselbe Frau, die blasse Ivy Dene, verliebt, andererseits der Seefahrt verfallen, doch „nie kamen sie gleichzeitig in denselben Hafen oder auf dasselbe Schiff“. Bis sie sich eines Tages auf der Catherine begegnen, die prompt – auch hier hatte der Käpt’n an Bord ein Schwein geschlachtet – in einen Sturm geriet, an dessen Ende nur noch drei Mann an Bord überlebt hatten, darunter die Zwillinge. Das Finale kommt über den Lesenden mit einer solchen Wucht, dass auch diese Erzählung unvergesslich bleibt.
Ja, diese Sammlung hat es in sich: Sie reißt mit, begeistert, schreckt ab, weckt Gefühle, die wie Stürme toben, stürzt einen in Abenteuer, die gewaltigen Brechern gleichen, und ist zugleich unterhaltsam wie der endlos anmutende Ozean: Ein handlicher und hübsch angerichteter Leckerbissen für alle, die die Meere lieben.
Peer Janssen





















Flieg' zum Start!