Tod einer Forscherin – Rezension

Deen, Mathijs: Die Lotsin – Roman; Hamburg, 2025; mareverlag;
Hardcover, 360 Seiten; ISBN 978-3-8664-8739-0; Preis 23,00 Euro.

Liewe Cupido, zum Letzten? – In manchen Rezensionen anderer Medien wird behauptet, Erfolgsautor Deen werde sich mit diesem vierten Band über den deutsch-holländischen Ermittler Cupido von selbigem verabschieden. Wenn’s stimmt, ist das einerseits schade – zum anderen aber mit Respekt zu akzeptieren: Eine Roman-Hauptfigur auf dem Höhepunkt ihres literarischen Seins in der Versenkung verschwinden zu lassen, schützt diese Figur vor „Verschleiß“ und macht zugleich neugierig, was der Autor sich als nächstes ausdenkt. Spannend…

So beginnt auch dieser Roman: In der Deutschen Bucht, irgendwo nahe Helgoland, läuft eine gemeinsame Übung der Grenzschutz-Einheiten der drei Anlieger Niederlande, Deutschland und Dänemark. Ein Notruf der Küstenwache holt die Einheiten in die Realität: Auf dem US-Forschungsschiff Anthropocene, unterwegs von Grönland nach Kiel, wird eine deutsche Klimaforscherin vermisst. Die Suchaktionen bleiben jedoch vergeblich und an Bord des Schiffs beginnt Cupidos Kollege Xander Rimbach von der Bundespolizei intensive Verhöre. Zunächst scheint es, als sei die Forscherin – ihr Gatte ist Erster Offizier an Bord der Anthropocene – in Folge jahrelanger Depressionen suizidal selbst über Bord gegangen. Aber irgendwann meldet ein niederländischer Kutter einen grausamen Fund und der macht nun reguläre Ermittlungen unausweichlich.

Schnitt. Hier erst kommt Liewe Cupido so richtig ins Spiel, und zwar anlässlich einer für ihn und den Fall bedeutenden Nachricht der Lotsin, die das Forschungsschiff zuvor Richtung Elbe gesteuert hatte. Zugleich markiert dies zwei Besonderheiten dieser Erzählung: Zum einen das späte Eingreifen der Hauptfigur, zum anderen eben jene Lotsin, die zwar titelgebend ist, aber nur an dieser Stelle einmal kurz erwähnt wird. Im weiteren Verlauf der Handlung spielt zwar ihre Aussage eine bedeutende Rolle – aber sie selbst kein weiteres Mal mehr.

Verwirrende Spuren

Das folgende Geschehen entfaltet sich nicht nur an Bord der Anthropocene, sondern „springt“ zwischen Kiel, Cuxhaven, Helgoland, Oldenburg, Den Helder, Texel und weiteren Orten hin und her. Ohne der Auflösung des spannenden Falls hier vorgreifen zu wollen: Es sind nicht nur schnelle und oft überraschende Ortswechsel, mittels derer Deen gekonnt Verwirrung stiftet – inhaltlich sorgen zum einen Rimbachs Verhöre und Ermittlungen, zum anderen Streitigkeiten zwischen Schiffsführung, Besatzung und weiteren Forschern an Bord kreuz und quer untereinander oder mit Behörden für weitere, fesselnde Zickzackpfade; und schließlich spielen einzelne Akteure wie ein umstrittener Forscher mit baskischen Wurzeln oder eine hilflos wirkende Freundin der Toten lange Zeit undurchschaubar mit. Bis kurz vor Schluss bleibt offen, ob der Tod der Forscherin nun als Unfall, Selbstmord oder gar Mord anzusehen ist. Angenehm ist, dass Cupidos private Probleme und Beziehungen, die vorige Bände oft in die Länge zogen, dieses Mal den eigentlichen Handlungsstrang nicht allzu sehr stören.

Den übrigens Deen gekonnt breit und aktuell auffächert. Das Spektrum reicht von der ursprünglichen Aufgabe der Toten in der Klimaforschung – ihre Arbeiten für den nächsten IPCC-Report haben ihr bereits Mobbing-Attacken beschert und akute Drohungen kommen auch ins Spiel – über die Zukunft der Kabeljau- und anderer Fischerei in Zeiten des Klimawandels bis hin zu etlichen weiteren, oft aufregend-chaotischen Spuren, von denen aber viele ins Leere laufen. Wer sich auf diesen abwechslungsreichen Plot einlässt – es lohnt sich! –, ist gut beraten, eine geheimnisvolle Schachtel und ein nicht minder Rätsel aufgebendes Paar Stiefel im Blick zu behalten, die unabhängig voneinander mehrfach auftauchen und eine wichtige Rolle spielen.

Burkhard Ilschner