Verwirrende Schönheit – Rezension

Umwelt­at­las Wat­ten­meer – Band 1: Nord­frie­si­sches und Dith­mar­scher Wattenmeer;
Hrsg.: Nationalpark-Landesamt Schleswig-Holstein und Umwelt­bun­des­amt (UBA); Hard­co­ver, 271 Sei­ten; ISBN 3-8001-3491-8; Preis 68 D-Mark – Band 2: Wat­ten­meer zwi­schen Elb- und Ems­mün­dung; Hrsg.: Natio­nal­park­ver­wal­tung Nie­der­sach­sen und UBA; Hard­co­ver, 200 Sei­ten; ISBN 3-8001-3492-6; Preis 62 D-Mark – Ver­lag Eugen Ulmer, Stutt­gart 1999

Die Ver­blüf­fung über die­se bei­den Bücher beginnt schon mit dem aller­ers­ten Griff: Aus völ­lig uner­find­li­chen Grün­den ist der ers­te Band ein 24 x 32 Zen­ti­me­ter mes­sen­des Hoch­for­mat, der zwei­te hin­ge­gen, eben­so groß, ist als Quer­for­mat erschie­nen. Das ist nicht nur ver­wir­rend, das ist beim ver­glei­chen­den Blät­tern in die­sem Werk regel­recht läs­tig. Was mögen die Her­aus­ge­ber und der Ver­lag sich dabei bloß gedacht haben? Soll so etwa der geo­gra­phi­sche Bezug – der eine beschrie­be­ne Wattenmeer-Teil erstreckt sich bekannt­lich, grob gesagt, von Süd nach Nord, der ande­re von Ost nach West – den Lese­rIn­nen nahe gebracht werden?

Wer sich – nach vor­he­ri­gem Auf­räu­men des Schreib­ti­sches, um aus­rei­chend Platz zu schaf­fen – dar­an macht, in den groß­for­ma­ti­gen “Schin­ken” zu stö­bern, ärgert sich als­bald ein zwei­tes Mal: Zwar haben sich die Her­aus­ge­ber immer­hin dar­über ver­stän­di­gen kön­nen, den unter­schied­lich for­ma­tier­ten Büchern eine gemein­sa­me Glie­de­rung zu geben: Nach­ein­an­der wer­den jeweils Geo­wis­sen­schaf­ten, Bio­wis­sen­schaf­ten, Mensch­li­che Ein­flüs­se sowie For­schung und Schutz behan­delt. Aber damit hat es sich auch schon mit der Ähn­lich­keit. Inner­halb die­ser vier Kom­ple­xe ist weder die Rei­hen­fol­ge der ein­zel­nen Sach­the­men noch deren Auf­bau und Prä­sen­ta­ti­on direkt mit­ein­an­der vergleichbar.

So sehr, wer­te Her­aus­ge­ber, unter­schei­den sich die beschrie­be­nen Wattenmeer-Teile bei allem Respekt vor ver­schie­de­nen his­to­ri­schen, geo­lo­gi­schen oder kul­tu­rel­len Ein­flüs­sen nun wirk­lich nicht! Die­ser ver­wir­ren­de Auf­bau des zwei­bän­di­gen Wer­kes macht es zumin­dest für inter­es­sier­te und auf­ge­schlos­se­ne Lai­en schwie­rig bis unan­ge­nehm, sich mit dem The­ma aus­ein­an­der­set­zen. Egal, ob sich jemand über Tide, See­gras, Küs­ten­schutz oder was auch immer infor­mie­ren will, jedes mal gilt es, sich mit einer ande­ren Dar­stel­lung aus­ein­an­der­zu­set­zen. Man muss schon ziem­lich neu­gie­rig und ziem­lich inter­es­siert sein, um sich dem zu unterziehen.

Und das ist äußerst scha­de, denn bei nähe­rer Betrach­tung fas­zi­nie­ren die bei­den Bücher jedes für sich durch eine wirk­lich lie­be­voll zu nen­nen­de Sorg­falt in der Behand­lung der ein­zel­nen The­men. Durch­gän­gig – eine der weni­gen Gemein­sam­kei­ten, das sei betont (sie sind ja rar genug!) – wird der Anspruch, “Atlas” sein zu wol­len, erfüllt, indem einer oder meh­re­rer kar­to­gra­phi­scher Dar­stel­lun­gen auf der rech­ten Sei­te ein erklä­ren­der Text auf der lin­ken gegen­über gestellt ist; Gra­fi­ken, Schau­bil­der und Fotos lockern bei­de Sei­ten auf und tra­gen zur infor­ma­ti­ven Anschau­lich­keit bei.

Die Auf­sät­ze selbst – jeder von ande­ren AutorIn­nen, die Namens­ver­zeich­nis­se bei­der Bän­de lesen sich wie ein “Who’s who” der Meeres- und Küs­ten­for­schung – sind ganz über­wie­gend locker und leicht ver­ständ­lich abge­fasst. Das ist es, was die beein­dru­cken­de Schön­heit die­ses Wer­kes aus­macht: Man kann schier end­los stö­bern, lesen, blät­tern; man kann die bei­den Bän­de wahl­wei­se sys­te­ma­tisch durch­ge­hen oder wie ein Lexi­kon benut­zen – zum Nach­schla­gen ein­zel­ner Begrif­fe (auch wenn nicht ein­mal die Stich­wort­re­gis­ter ein­heit­lich gestal­tet wer­den konnten!).

Von Stil und Illus­tra­ti­on her scheint es klar, dass die­ses Werk sich (sie­he oben) an auf­ge­schlos­se­ne Lai­en wen­det; für Wis­sen­schaft­le­rIn­nen dürf­te es wegen sei­ner sehr knapp geraff­ten Behand­lung der ein­zel­nen The­men wohl kaum in Fra­ge kom­men. Aber wer sich an Lai­en wen­det, wer eine brei­te Lese­rIn­nen­schar gewin­nen will, sich für ein Pro­jekt wie die Wattenmeer-Nationalparke zu inter­es­sie­ren, muss sich schon der Mühe unter­zie­hen, die­ser Ziel­grup­pe ent­ge­gen­zu­kom­men – statt ihnen vor ihrem Sach-Engagement zunächst die Selbst­über­win­dung abzu­ver­lan­gen, sich mit stark von­ein­an­der abwei­chen­den Dar­stel­lungs­for­men aus­ein­an­der­zu­set­zen. (-bi-)