{"id":13450,"date":"2025-04-12T12:42:54","date_gmt":"2025-04-12T10:42:54","guid":{"rendered":"https:\/\/waterkant.info\/?page_id=13450"},"modified":"2025-06-16T21:35:53","modified_gmt":"2025-06-16T19:35:53","slug":"13450-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/waterkant.info\/?page_id=13450","title":{"rendered":"Vom Meer genommen \u2013 Rezension"},"content":{"rendered":"<p class=\"bu\">Fischer, Norbert: Marschland \u2013 Band 15 der Serie \u201eEuropean Essays<br \/>\non Nature and Landscape\u201c; Hamburg 2024, KJM-Buchverlag;<br \/>\nHardcover, 134 Seiten; ISBN 978-3-9619-4246-6; Preis 22,00 Euro.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-13448\" src=\"https:\/\/waterkant.info\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/cover-fischer-marschland-204x300.jpg\" alt=\"\" width=\"321\" height=\"472\" srcset=\"https:\/\/waterkant.info\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/cover-fischer-marschland-204x300.jpg 204w, https:\/\/waterkant.info\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/cover-fischer-marschland-697x1024.jpg 697w, https:\/\/waterkant.info\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/cover-fischer-marschland-102x150.jpg 102w, https:\/\/waterkant.info\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/cover-fischer-marschland-768x1128.jpg 768w, https:\/\/waterkant.info\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/cover-fischer-marschland-1046x1536.jpg 1046w, https:\/\/waterkant.info\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/cover-fischer-marschland.jpg 1394w\" sizes=\"auto, (max-width: 321px) 100vw, 321px\" \/><\/p>\n<p>\u201eMarschland ist vom Menschen gemacht\u201c, schreibt Fischer auf einer der ersten Seiten seines B\u00fcchleins, \u201eist vom Meer genommen worden\u201c. Viel treffender kann man es kaum beschreiben: Die Rede ist von Gebieten, die sehr, sehr lange von Gezeiten gepr\u00e4gt und daher in periodischem Wechsel mal Land und mal Meer gewesen sind \u2013 bevor der Mensch sie durch Warften, Deiche, Schleusen, Priele und etliche weitere Landschaftsbauma\u00dfnahmen dem unmittelbaren Einfluss von Ebbe und Flut entzog. Wobei es als typisch anthropozentrisch angesehen werden darf, dass diese meist massiven Eingriffe in die Natur in den Marschlanden selbst umgangssprachlich als \u201eK\u00fcstenschutz\u201c gehandelt werden: \u201eAll mien\u201c, sagt man auf plattdeutsch dazu.<\/p>\n<p>Der Hamburger Kulturwissenschaftler Norbert Fischer \u201eoutet\u201c sich mit diesem weiteren Band der erfolgreichen Serie \u201eEuropean Essays on Natur and Landscape\u201c als ein ebenso begeisterter wie begeisternder Fan der Marschlande, konzentriert sich dabei in seiner Betrachtung auf die deutsche Nordsee mit ihren Flussm\u00fcndungen, Halligen und Inseln; andere Marschen wie etwa an der britischen oder niederl\u00e4ndischen K\u00fcste werden nur gestreift. Detailverliebt, aber allgemein-verst\u00e4ndlich beschreibt er, was Marschland dank jahrhundertelangen Meereseinflusses als fruchtbare und damit ertragreiche Kulturlandschaft bedeutet, wie es aber trotz permanenter Konflikte auch Heimat vielseitiger Fauna und Flora geblieben ist. Er schildert, wie der Mensch es nutzbar gemacht und sich unterworfen hat, wie viele \u2013 aber l\u00e4ngst nicht alle \u2013 dadurch wohlhabend wurden. Er liefert zudem viele Beispiele f\u00fcr die \u201ejahrhundertelange Auseinandersetzung mit dem Wasser\u201c, wie das Meer sich immer wieder mal ein St\u00fcck Land zur\u00fcck zu holen versucht, dabei Spuren hinterl\u00e4sst und doch wieder zur\u00fcckgedr\u00e4ngt wird. Es f\u00e4llt allerdings auf, dass diese Auseinandersetzung ganz \u00fcberwiegend historisch betrachtet wird; m\u00f6gliche k\u00fcnftige Entwicklungen etwa in Folge des Klimawandels finden nur sp\u00e4rliche Erw\u00e4hnung.<\/p>\n<p>Obwohl Fischers Ausf\u00fchrungen durch fl\u00fcssige Schreibe gl\u00e4nzen, f\u00e4llt doch auf, dass sie sowohl geographisch als auch zeitlich sehr sprunghaft \u00fcberkommen; von einer \u201eGliederung\u201c im herk\u00f6mmlichen Sinne mag man kaum reden. Sprunghaft hei\u00dft: Schnelle Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen verschiedenen Orten und Regionen, schnelle Mischung von Begegnungen mit einzelnen Akteuren, Ausfl\u00fcgen in die Welt der Technik, Abschweifungen in die Literatur oder den Naturschutz. Klingt verwirrend? Mag sein, macht aber nichts, denn alles in allem gilt f\u00fcr dieses Buch die ansprechende Kurzformel: &#8222;Das liest sich so weg.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_13458\" style=\"width: 260px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-13458\" class=\"wp-image-13458\" src=\"https:\/\/waterkant.info\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/harriersand_luftbild_crop-108x300.jpg\" alt=\"\" width=\"250\" height=\"696\" srcset=\"https:\/\/waterkant.info\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/harriersand_luftbild_crop-108x300.jpg 108w, https:\/\/waterkant.info\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/harriersand_luftbild_crop-368x1024.jpg 368w, https:\/\/waterkant.info\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/harriersand_luftbild_crop-54x150.jpg 54w, https:\/\/waterkant.info\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/harriersand_luftbild_crop-768x2137.jpg 768w, https:\/\/waterkant.info\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/harriersand_luftbild_crop-552x1536.jpg 552w, https:\/\/waterkant.info\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/harriersand_luftbild_crop-736x2048.jpg 736w, https:\/\/waterkant.info\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/harriersand_luftbild_crop-scaled.jpg 920w\" sizes=\"auto, (max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><p id=\"caption-attachment-13458\" class=\"wp-caption-text\">Unterweser-Insel Harriersand<br \/>(Ausschnitt, gedreht)<br \/><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Weserinsel_Harriersand_bei_Brake_(49690767416).jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00a9 Bundesanstalt f. Wasserbau &#8211; wikimedia commons<\/a><\/p><\/div>\n<p>In manchen Details l\u00e4sst der Autor allerdings gesellschaftspolitische Genauigkeit \u2013 oder\u00a0Sorgfalt? \u2013 vermissen. Wenn er etwa die Flussinsel Harriersand als eine &#8222;Marschinsel in der Unterweser&#8220; beschreibt, ist das irref\u00fchrend, denn Harriersand ist erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Zuge einer fr\u00fchen schifffahrtspolitischen Weservertiefung aus sieben einzelnen Inseln &#8222;gemacht&#8220; worden. Wenn er wiederholt den Unterweser-&#8222;Marschendichter&#8220; Hermann Allmers lobend hervorhebt, w\u00e4re ein mindestens knapper Hinweis auf dessen teilweise v\u00f6lkische Ansichten gerade in heutiger Zeit angebracht gewesen. Und wenn er die &#8222;umstrittene &#8230; Erweiterung des &#8230; &#8218;Airbus&#8216;-Flugzeugwerks in Finkenwerder&#8220; als ein Zeugnis f\u00fcr die Industrialisierung des Alten Landes anf\u00fchrt, ist das zwar korrekt \u2013 aber die anhaltenden Probleme der Region durch die neun Elbvertiefungen in diesem Kontext nicht zu erw\u00e4hnen, ist fahrl\u00e4ssig.<\/p>\n<p>Eines noch: Nat\u00fcrliche Gegebenheiten wie auch Menschen in unterschiedlichen Marschlanden lassen sich selten einfach so verallgemeinern oder umgekehrt lokal eingrenzen. Das hat Fischer leider nicht immer deutlich ber\u00fccksichtigt. Wenn er etwa kategorisch festh\u00e4lt, der Begriff &#8222;Siel&#8220; sei &#8222;allein westlich der Weser&#8220; gebr\u00e4uchlich, so irrt er. Oder: Wenn er aus dem Land Kehdingen berichtet, dort seien &#8222;alle Hausnummern &#8230; chronologisch nach dem Errichtungsdatum des Geb\u00e4udes vergeben und nicht nach der Reihung an den Stra\u00dfen&#8220;, w\u00e4re ein Hinweis, dass dies nicht uneingeschr\u00e4nkt gilt, sondern fr\u00fcher auch anderswo \u00fcblich war, durchaus angebracht. Oder: Eine Aussage, dass ein mit Reet gedecktes Dach &#8222;fr\u00fcher eher ein Ausdruck von Armut war&#8220;, wird in vielen Marschlanden durch die alten H\u00e4user reicher Marschenbauern widerlegt. So gesehen, ist es im Grunde genommen irref\u00fchrend, dieses attraktive Buch &#8222;Marschland&#8220; zu nennen \u2013 denn der Plural &#8222;Marschlande&#8220; w\u00e4re angesichts der Vielfalt und Wechselhaftigkeit dieser Gebiete viel angebrachter gewesen.<\/p>\n<p>Trotz alledem: Niemandem soll hier wegen \u00fcberbordender Akribie der Spa\u00df an der Lekt\u00fcre dieses flotten B\u00fcchleins verdorben werden. Denn das liest sich echt so weg&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Burkhard Ilschner<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5><\/h5>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fischer, Norbert: Marschland \u2013 Band 15 der Serie \u201eEuropean Essays on Nature and Landscape\u201c; Hamburg 2024, KJM-Buchverlag; Hardcover, 134 Seiten; ISBN 978-3-9619-4246-6; Preis 22,00 Euro. \u201eMarschland ist vom Menschen gemacht\u201c, schreibt Fischer auf einer der ersten Seiten seines B\u00fcchleins, \u201eist &hellip; <a href=\"https:\/\/waterkant.info\/?page_id=13450\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-13450","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/waterkant.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/13450","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/waterkant.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/waterkant.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/waterkant.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/waterkant.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=13450"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/waterkant.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/13450\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":13476,"href":"https:\/\/waterkant.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/13450\/revisions\/13476"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/waterkant.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=13450"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}