Sklaverei mit staatlicher Billigung – Rezension

Hage­dorn, Jas­per Hen­ning: Bre­men und die atlan­ti­sche Sklaverei –
Waren, Wis­sen und Per­so­nen, 1780-1860; Baden-Baden, 2023; Nomos-Verlag;
Hard­co­ver, 540 Sei­ten; ISBN 9-783-7560-0678-6; Preis 114,00 Euro.

Es ist kei­ne neue Erkennt­nis, dass das jahr­hun­der­te­lang gepfleg­te Eti­kett vom „ehr­ba­ren Kauf­mann“ nicht nur in Nord­west­deutsch­land ziem­lich ver­lo­gen war und ist: Seit dem Mit­tel­al­ter und den Zei­ten der Han­se sowie spä­ter waren die bei Aus­beu­tung zuneh­mend auch frem­der Völ­ker ange­wand­ten Prak­ti­ken alles ande­re als mora­lisch vertretbar.

Trotz­dem gelingt es ein­zel­nen For­schen­den immer wie­der, dem auch heu­te noch häu­fig ver­wen­de­ten Image der Recht­schaf­fen­heit wei­te­re tie­fe Krat­zer hin­zu­zu­fü­gen. Einer von ihnen ist Jas­per Hen­ning Hage­dorn, der in sei­ner 2023 ange­nom­me­nen Dis­ser­ta­ti­on am Bei­spiel der Frei­en Han­se­stadt Bre­men die Ver­flech­tung loka­ler und natio­na­ler Kauf­leu­te mit der atlan­ti­schen Skla­ve­rei unter­sucht und dabei zugleich ent­hüllt, wie die­ses Trei­ben von eben jener Obrig­keit poli­tisch gestützt wur­de, die sich in inter­na­tio­na­len Ver­trä­gen zur Unter­drü­ckung des Skla­ven­han­dels ver­pflich­tet hatte.

Hage­dorn fokus­siert sich in sei­ner auf­wän­di­gen Unter­su­chung auf die Zeit zwi­schen 1780 und 1860 und dabei neben Süd­ame­ri­ka und den damals noch jun­gen USA vor allem auf die Kari­bik. Der Han­del mit den fälsch­lich „west­in­disch“ genann­ten Inseln sei in jener Zeit erheb­lich pro­fi­ta­bler gewe­sen als der mit ande­ren Regio­nen: Es war die dort ver­brei­te­te Plan­ta­gen­wirt­schaft, die gute Geschäf­te bescher­te – neben Luxus­gü­tern und all­täg­li­chen Annehm­lich­kei­ten für die euro­päi­sche „Kolo­ni­ale­li­te“ waren es vor allem Bedarfs­ar­ti­kel für eben die Plan­ta­gen; das reich­te von gro­bem Lei­nen für die Skla­ven­klei­dung bis zu „meist im deut­schen Bin­nen­land her­ge­stell­tem“ Arbeits­ge­rät wie etwa qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­gen Zuckerrohrmessern.

Pro­mi­nen­te Akteure

An meh­re­ren Bei­spie­len nam­haf­ter Kauf­leu­te von der Weser ver­deut­licht Hage­dorn, dass und in wel­chem Aus­ma­ße Bre­men ein sehr akti­ver Teil der atlan­ti­schen Skla­ve­rei gewe­sen ist. Teil­wei­se han­delt es sich bei den von ihm aus­ge­wähl­ten Per­so­nen um Ange­hö­ri­ge von Dynas­tien, die über Jahr­hun­der­te, ver­ein­zelt bis heu­te, im bre­mi­schen Geschäfts­le­ben aktiv und pro­mi­nent waren oder sind. Er beschreibt unter ande­rem, wie vie­le die­ser Händ­ler in ihrem Ver­hält­nis zur Skla­ve­rei gera­de­zu ein Emp­fin­den von Nor­ma­li­tät ent­wi­ckel­ten, sie sei ihnen „als all­täg­li­cher Bestand­teil ihres über­see­ischen Lebens“ erschie­nen. Das ging soweit, dass etli­che die­ser Han­dels­fa­mi­li­en sich Haus­skla­ven in die Hei­mat hol­ten – was einer­seits in Bre­men und Bre­mer­ha­ven eine Debat­te nicht nur über Skla­ve­rei, son­dern auch über Migra­ti­on und den Frei­heits­sta­tus die­ser Migran­ten­grup­pe auslöste.

Ande­rer­seits skiz­ziert Hage­dorn detail­liert, wie die loka­le Pres­se unter dem Druck von Zen­sur­be­stim­mun­gen, aber auch in redaktionell-persönlicher Ver­flech­tung mit betei­lig­ten Han­dels­fa­mi­li­en Nach­rich­ten zum The­ma Skla­ve­rei schlicht unter­drück­te oder deren Prak­ti­ken schön­re­de­te. Und nicht zuletzt ent­hüllt er dar­über hin­aus, wie eng etli­che bre­mi­sche Kauf­leu­te über den rei­nen Waren­han­del hin­aus an Sklaverei-Geschäften betei­ligt waren, bei­spiels­wei­se durch Betrieb eige­ner Plan­ta­gen in Über­see, unter ande­rem auf Kuba oder der damals däni­schen Kolo­nie St. Tho­mas (heu­te: US-Virgin Islands): „Die Anzahl der ver­sklav­ten Arbeits­kräf­te reich­te dabei von weni­gen Indi­vi­du­en bis in die Hunderte.“

Senats-Intrigen

Als auf­schluss­reich erwei­sen sich Hage­dorns Aus­füh­run­gen über die ein­gangs bereits ange­ris­se­ne Hal­tung des Bre­mer Senats, des­sen besag­te Ver­flech­tung mit der Kauf­mann­schaft sich direkt auf die eige­ne Posi­tio­nie­rung aus­wirk­te. Anfäng­lich sei es nur um gute Bezie­hun­gen zu den USA gegan­gen – aber nach dem 1815 beim Wie­ner Kon­gress beschlos­se­nen offi­zi­el­len Skla­ve­rei­ver­bot wur­de es etwas kom­pli­zier­ter: Kei­ne akti­ve Befür­wor­tung des Skla­ven­han­dels oder der Skla­ve­rei, „aber doch eine Bereit­schaft, über ihre Exis­tenz hin­weg­zu­se­hen, um von ihnen pro­fi­tie­ren zu kön­nen“. Dar­aus folg­ten unter ande­rem nach 1815 diver­se Kon­flik­te mit der mari­ti­men Groß­macht Groß­bri­tan­ni­en: Deren Ver­su­che, das besag­te Ver­bot des Skla­ven­han­dels auf den Welt­mee­ren durch­zu­set­zen, führ­ten ver­schie­dent­lich zur Auf­brin­gung bre­mi­scher Schif­fe unter dem Ver­dacht der Miss­ach­tung die­ses Ver­bots mit der Fol­ge lan­ger juris­ti­scher Strei­tig­kei­ten. Aber wäh­rend sich der Bre­mer Senat dabei um ein Arran­ge­ment mit der herr­schen­den See­macht bemüh­te, intri­gier­te er gleich­zei­tig mit den Sena­ten von Ham­burg und Lübeck, um inter­na­tio­nal eine Auf­wei­chung des Ver­bots zu erreichen.

An sich ist eine Dis­ser­ta­ti­on – zumal eine der­art quel­len­rei­che – kein Lese­buch. Die­ses Buch ist eine Aus­nah­me: ein kom­ple­xer, aber auf sei­ne Art fes­seln­der Geschichts- und Wirtschaftskrimi.

Burk­hard Ilschner

 

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