Schiffbau rechnet sich schön

Der Ver­band Schiff­bau und Mee­res­tech­nik (VSM) hat sich am ver­gan­ge­nen Diens­tag in Ham­burg um betont mari­ti­men Opti­mis­mus bemüht: Mit einem (der Sege­lei ent­lehn­ten) „Klar zur Wirt­schafts­wen­de“ bie­der­te sich der Ver­band bei der neu­en Bun­des­re­gie­rung an – und bilan­zier­te zugleich, mit „einer hohen Aus­las­tung und gut gefüll­ten Auf­trags­bü­chern“ ein „ins­ge­samt erfolg­rei­ches Jahr“ 2024 abge­schlos­sen zu haben. 

Im See­schiffs­neu­bau sei mit einem „zivi­len Auf­trags­ein­gang“ in Höhe von 10,7 Mil­li­ar­den Euro „ein neu­es All­zeit­hoch“ erreicht wor­den. Ob das im Lang­zeit­ver­gleich halt­bar ist, sei dahin­ge­stellt: Wel­che Auf­tragsein­gangssum­men frü­her fest­zu­stel­len waren, ist auf die Schnel­le nicht zu über­prü­fen; gesi­chert ist nur, dass noch in den 1990er Jah­ren Auf­tragsbestandssum­men allein für das Gebiet der alten BRD von bis zu 15 Mil­li­ar­den D-Mark erreicht wur­den. Und es gab Zei­ten, da arbei­te­ten in bei­den deut­schen Staa­ten Hun­dert­tau­sen­de im Schiff­bau – aktu­ell spricht der VSM von nur noch rund 20.000 Werft­be­schäf­tig­ten, stellt aber immer­hin einen Zuwachs um knapp 2,2 Pro­zent fest. Aber er rech­net auch dies ein biss­chen schön, indem er die Zulie­fer­indus­trie mit ein­be­zieht und so „den Beschäf­ti­gungs­ef­fekt“ auf mehr als 200.000 hoch­qua­li­fi­zier­te Arbeits­plät­ze schätzt.

Das besag­te Anbie­dern scheint kein Zufall, denn der VSM freut sich einer­seits, dass „der Mari­ne­schiff­bau boomt“ und „die Not­wen­dig­keit einer leis­tungs­fä­hi­gen Mari­ne­schiff­bau­in­dus­trie … ange­sichts der glo­ba­len kri­ti­schen Sicher­heits­la­ge offen­sicht­lich“ sei. Ande­rer­seits moniert der Ver­band aber auch, deut­sche Marineschiffbau-Kapazitäten hät­ten „nur durch erfolg­rei­che Ver­mark­tung im (befreun­de­ten) Aus­land im vor­han­de­nen Umfang gesi­chert wer­den“ kön­nen – und mahnt die neue Koali­ti­on: „Die deut­sche Poli­tik muss Resi­li­enz­fra­gen stär­ker in den Fokus neh­men.“ Nein, von Teil­ha­be am Aufrüstungs-Sondervermögen ist nicht offen die Rede.

Kri­ti­sche Töne fehlen

Im glo­ba­len Ver­gleich wird schnell deut­lich, was sich hin­ter sol­chen Äuße­run­gen ver­birgt: 2024 sei­en welt­weit rund 203,8 Mil­li­ar­den US-Dollar (umge­rech­net etwa 181,5 Mil­li­ar­den Euro) in Schiffs­neu­bau­ten inves­tiert wor­den – im Ver­gleich zu 2023 eine Stei­ge­rung um 55 Pro­zent. Zwar stamm­ten davon rund 70 Mil­li­ar­den Dol­lar (rd. 62,3 Mil­li­ar­den Euro) aus euro­päi­schen Neu­bau­auf­trä­gen, gut 20 Pro­zent mehr als im Vor­jahr – betont wird aber, „dass der kleins­te Anteil davon nach Euro­pa floss“. 53 Pro­zent aller Neu­bau­ten habe 2024 Chi­na abge­lie­fert, unter­streicht auch der VSM die zuvor bereits fest­ge­stell­te Vor­macht­stel­lung des asia­ti­schen Rie­sen­rei­ches. Von des­sen Kapa­zi­täts­aus­bau ist im VSM-Jahresbericht viel die Rede – mehr als 71 Pro­zent aller Containerschiffs-Neubauten kämen von dort, bei Mas­sen­gut­frach­tern mehr als 70 Pro­zent, bei Tan­kern knapp 68 Pro­zent; mit beträcht­li­chem Abstand fol­gen auf den nächs­ten Plät­zen Süd­ko­rea und Japan.

Noch vor weni­gen Jah­ren monier­te Ver­bands­chef Harald Fass­mer, Eig­ner der gleich­na­mi­gen Werft aus Mot­zen an der Unter­we­ser, in die­sem Kon­text, dass deut­sche und euro­päi­sche Ree­der trotz Unter­stüt­zung „durch erheb­li­che Steu­er­mit­tel“ den Löwen­an­teil ihrer Neu­bau­auf­trä­ge nach Asi­en ver­gä­ben statt im Lan­de bau­en zu las­sen. Der­art kri­ti­sche Töne lässt der aktu­el­le Bericht ver­mis­sen, viel­mehr beschränkt man sich jetzt dar­auf, unter Hin­weis auf beträcht­li­che Sub­ven­tio­nen anders­wo das Feh­len „fai­rer Finan­zie­rungs­be­din­gun­gen“ für den deut­schen Schiff­bau zu bekla­gen. Füh­rend sei der nur noch im Kreuzfahrtschiffs- und Luxus­yacht­bau, lobt man sich.

Natür­lich blei­ben Donald Trumps über­bor­den­de Plä­ne für den zivi­len US-Schiffbau – „über Jahr­zehn­te ver­nach­läs­sigt“ – eben­so wenig uner­wähnt wie Russ­lands „ambi­tio­nier­te Plä­ne“, 500 Mil­li­ar­den Rubel (5,5 Mil­li­ar­den Euro) in die „Stär­kung der natio­na­len Schiff­bau­in­dus­trie“ ste­cken zu wol­len. Ansons­ten betont man beim VSM nicht nur die „Schlüs­sel­rol­le“ von Mari­ne­streit­kräf­ten „im geo­po­li­ti­schen Kon­text“, son­dern schaut über den Schiff­bau hin­aus auch auf die Mee­res­tech­nik als Teil der hei­mi­schen mari­ti­men Indus­trie: „Der Aus­bau der Offshore-Windenergie mit Hard­ware aus Chi­na birgt min­des­tens ver­gleich­ba­re Risi­ken, wie die, die für die Mobil­funk­net­ze bereits adres­siert werden.“

 

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WATERKANT-Redaktion