Die berechtigte Mahnung, auch in der globalen Fischerei stärker auf Klimaschutz zu achten, hat der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) Ende dieser Woche breite Aufmerksamkeit beschert. Dennoch ist der Fischerei-Report, der diesen Appell enthält, mit Vorsicht zu genießen.
In Abständen von zwei bis drei Jahren veröffentlicht die OECD ihren Bericht „Review of Fisheries“ zur weltweiten Branchenentwicklung, allerdings mit besonderem Fokus auf die Mitgliedsstaaten der Organisation. Untersucht werden auch aktuell wieder sowohl der herkömmliche Fischfang als auch die Fischzucht in so genannten Aquakulturen: Überwiegend stützt sich die OECD dabei auf Angaben aus dem jüngsten Bericht der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO vom Sommer 2024.
Dennoch gibt es „Löcher“: Der „Industriestaatenorganisation“ OECD – bekanntlich dem kapitalistischen Wirtschaften verpflichtet – gehören derzeit 38 Staaten an, 30 von ihnen sind als fischereiaktiv im Report untersucht, hinzu kommen elf Nichtmitgliedsstaaten. Zu Letzteren zählen jedoch mit China, Indonesien und Indien die drei größten globalen Fischproduzenten; diese Drei wiederum bilden gemeinsam mit den OECD-Staaten USA und Japan den Länderblock mit den größten Flotten – und eben diese Fünf haben der OECD offenbar etliche Daten vorenthalten. Die Gründe dafür werden im Report indes nicht erläutert.
Insgesamt bilanziert der OECD-Bericht, gestützt auf die FAO-Daten, für die 41 Länder im Jahre 2022 eine Produktion in Höhe von 172 Millionen Tonnen. Das bedeutet zum einen eine Steigerung um rund 50 Prozent in den vergangenen 15 Jahren, zum anderen einen Anteil von 79 Prozent der globalen Gesamtproduktion.
Interessant ist aber die Aufteilung: In der Menge entfallen 56 Millionen Tonnen auf die Fangfischerei und 116 Millionen Tonnen auf Aquakultur; letzterer Wert schlüsselt sich auf in 82 Millionen Tonnen Fisch und Krebstiere sowie 34 Millionen Tonnen Algen. In der Herkunft entfallen nur 40 Prozent des Fischfangs und neun Prozent der Aquakultur auf die 30 OECD-Mitglieder.
Aquakultur wächst rasant
Der Anteil von Aquakultur an der Gesamtproduktion ist seit 2005 von 45 auf 68 Prozent gestiegen; Kritik an dieser Entwicklung – etwa wegen Mangrovenzerstörung oder verfütterten Wildfischs – sucht man aber ebenso vergebens wie eine angemessene Würdigung zum Beispiel handwerklicher Kleinfischerei im globalen Süden. Letzter Vergleich, nicht von der OECD: Deutsche Fischereifahrzeuge haben in 2022 nur gut 150.000 Tonnen angelandet, davon knapp 86 Prozent in ausländischen Häfen. 2005 waren es rund 253.000 Tonnen, davon etwa 55 Prozent extern.
Auffällig ist, dass der OECD-Report satte 81 Prozent der bewerteten Fischbestände als „gesund“ bezeichnet. Allerdings unterstreicht der Bericht – unbewusst? – auch, dass er vorwiegend auf optimierte Ausbeutung fokussiert ist: 41 Prozent dieser Bestände vertrügen Maßnahmen, um „Volumen und Wert zu maximieren“. Wie das mit dem parallel betonten Anspruch auf Nachhaltigkeit gemäß den UN-Zielen zusammen passt, bleibt offen – besseres Management würde nicht nur die Rentabilität erhöhen, sondern auch die Ökosysteme der Ozeane verbessern, heißt es.
„Ich bin da skeptisch“, kommentiert Kai Kaschinski von der umwelt- und entwicklungspolitischen Organisation „Fair Oceans“ die OECD-Einschätzung: Der 81-Prozent-Wert stimme hinsichtlich des Zustands der Bestände „nicht mit dem globalen Negativtrend bei der FAO“ überein. In der Tat beziffert deren Bericht von 2024 knapp 38 Prozent aller Meeresfischbestände als „überfischt“, Tendenz steigend; gut die Hälfte werde zwar „nachhaltig“, aber maximal genutzt.
Insbesondere der Nachhaltigkeitsanspruch der OECD ist übrigens jüngst in Zweifel gezogen worden: 23 ihrer Mitgliedsstaaten gehören der EU an – und eben der bescheinigt aktuell das angesehene Recherche-Portal „Follow the money“ (FTM), sie predige nachhaltige Fischerei, entleere aber den Indischen Ozean. Dessen Küstenstaaten, so FTM, zeigten sich zunehmend besorgt über schwindende Bestände überfischter Thunfischarten. Insbesondere die EU stelle trotz vieler Vorschriften zur nachhaltigen Fischerei „Profite über Prinzipien“ und nehme immer stärker Einfluss auf die Fischerei der Region.